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Flo Puritscher und Kri Anderle waren nach der Tsunami-Katastrophe unter den ersten Surfern auf Sri Lanka. Ein Bericht über den Zustand an der Ostküste der Insel.
Dezember 2004: Am 26.12.2004 führt ein gewaltiges Seebeben vor der Küste Sumatras zur Entstehung einer riesigen Flutwelle, die in der Folge über 200.000 Menschen das Leben kostet und noch bis heute zahllose Menschen ohne Hab und Gut in größter Armut zurücklässt. Circa fünf Stunden nach dem Beben trifft der Tsunami Augenzeugenberichten zufolge bis zu 15m hoh, frontal und mit voller Wucht auf die Ostküste Sri Lankas, wo sich das von mir zuvor bereits zweimal besuchte Surferparadies Arugam Bay befindet.
4 Monate später: Eine lange Wintersaison geht für mich zu Ende und ich spüre, dass sich sowohl mein vom Snowboarden lädierter Körper als auch mein Geist nach Wärme, Entspannung und Meer sehnen. Da es bei uns in Tirol im Mai noch nicht so richtig warm werden will und der Gedanke ans Surfen in tropischen Gewässern mehr und mehr mein Denken vereinnahmt, beschließe ich heuer schon etwas früher die Heimat Richtung Süden zu verlassen. Ein kurzer Anruf bei meinem langjährigen Reisepartner Kri genügt, um ihn von meinen Plänen zu überzeugen. Nur über das Ziel sind wir uns noch nicht gleich einig, denn wer zu dieser Jahreszeit Wärme und Wellen sucht, hat zahlreiche Gebiete zur Auswahl. Wir diskutieren lange über Indonesien und Mittelamerika, bis Kri plötzlich mit Sri Lanka ein von uns bereits besuchtes Land zur Sprache bringt. Eigentlich wollen wir etwas neues entdecken, doch nach der Flutwellenkatastrophe würde dort nichts mehr so sein wie es einmal war und wir sind uns um die einmalige Chance bewusst, die Wellen von Arugam Bay mehr oder weniger ohne andere Surfer vorzufinden. Doch gleichzeitig fragen wir uns, ob es überhaupt möglich und vertretbar ist, in einem Gebiet, wo so viele Menschen ihr Leben lassen mussten, zu entspannen und Urlaub zu machen. Gerüchte über verschwemmte Landminen, den Ausbruch von Malaria und anderen Krankheiten sowie die relativ hohe Wahrscheinlichkeit eines Nachbebens und damit eines neuerlichen Tsunamis erleichtern uns unsere Entscheidung nicht gerade. Schließlich überzeugen uns die Worte meines Freundes Christoph, der Pilot ist und bereits kurz nach der Katastrophe Hilfsgüter an Sri Lankas Ostküste verteilt hat: Die Leute bräuchten am dringendsten einen schnell wiederanlaufenden Tourismus, doch kaum jemand traue sich im Moment in die betroffenen Gebiete zu reisen! Somit ist die Entscheidung ist gefallen.
15.5.2005, Sri Lanka: Nach einer schlaflosen Nacht landen wir kurz nach elf Uhr morgens am Flughafen von Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Wir organisieren uns ein Taxi, das uns quer über die Insel nach Arugam Bay bringen sollte. Die Fahrt wird bereits kurz nach Verlassen des Flughafengeländes zur Tortour. Die Strasse ist in einem haarsträubenden Zustand, gespickt mit Bodenwellen und Schlaglöchern und die Fahrweise unseres sehr freundlichen aber wenig gesprächigen Fahrers Naheel gleicht der eines Ralleypiloten auf höchstem Niveau. Bei seinen zahllosen blinden Überholmanövern von LKW,s, anderen Autos, Tuk Tuks (eine Art dreirädriges, überdachtes Motorad) und Ochsenkarren fürchten wir ständig, dass unsere letzte Stunde geschlagen hat, und das einzige was hilft, ist zu versuchen die Augen zu schließen, sich dem Schicksal hinzugeben und an andere Dinge zu denken.
ANKUNFT. Als wir uns am frühen Abend nach siebenstündiger Fahrt der Ostküste nähern, steigt unsere Nervosität, denn wir können uns noch kaum vorstellen was uns im „Tsunami-Gebiet“ erwarten würde. Kurz nach 20:00 Uhr erreichen wir Pottuvil, das nächstgrößere Dorf neben Arugam Bay. Jetzt sind es nur mehr wenige Kilometer die uns von unserem Ziel trennen und noch ist nichts von der Zerstörung zu bemerken. Aufgrund der einbrechenden Dunkelheit ist so und so kaum etwas zu erkennen, doch als wir die halbzerstörte Brücke, die Arugam Bay mit Pottuvil verbindet, erreichen, lässt sich bereits das Ausmaß der Katastrophe erahnen. Neben der Strasse befinden sich Autowracks, einige Häuser stehen nur mehr zur Hälfte, andere scheinen vor kurzer Zeit erst neu errichtet worden zu sein. Die Strasse wird immer schmäler und ist zum Teil nur notdürftig repariert, doch schlussendlich erreichen wir die ersten Häuser von Arugam und kurz später die „Aloha Beachhuts“ unseres Freundes Johnson. Wir verabschieden uns von unserem „Kamikaze-Piloten“ Naheel und freuen uns, Johnson nach 6 Jahren erstmals wieder zu sehen. Nach einer herzlichen Begrüßung schildert er uns sogleich die momentane Lage im Dorf. Vieles befinde sich schon wieder im Aufbau, aber noch immer gibt es zahlreiche Menschen die in Notunterkünften leben. Tourismus gibt es noch kaum, die Surfer, die Arugam Bay momentan besuchen, lassen sich an einer Hand abzählen. Gegen zehn Uhr beschließen wir, noch kurz durch das Dorf zu spazieren und uns umzusehen. Als wir losmarschieren bekommen wir langsam ein Bild davon, mit welch unglaublicher Gewalt der Tsunami den Küstenstreifen zerstört hat. Wo früher am Abend pulsierendes Leben entlang der Strasse und in den ehemals zahlreichen Strandhütten geherrscht hat, finden wir nichts als Totenstille inmitten von Ruinen, Dreck und Baustellen vor. Wir treffen mit Fahir einen altbekannten ehemaligen Restaurantinhaber, der alles verloren hat. Auf seinem Grund sind nur mehr die Überreste seines früheren Hauses zu erkennen, eine notdürftig aus Holz hingestellte Hütte mit Wellblechdach gibt ihm zumindest wieder die Möglichkeit, Essen für die Baustellenarbeiter und die wenigen Touristen zu kochen. Die Lebensbedingungen für ihn haben sich extrem verschärft, die Familie mit vier Kindern schläft jede Nacht neben der Holzhütte auf dem Betonfundament seines ehemaligen Hauses unter freiem Himmel! Seine Frau bereitet uns ein wenig Rice & Curry zu und Fahir berichtet uns erstmals im Detail, wie sich die Katastrophe zugetragen hat. Als er erzählt welches Bild sich ihm gegen Ende des Unglückstages bot, bricht er in Tränen aus und will das Thema wechseln. Angesichts seiner Situation, fällt es uns sehr schwer, tröstende Worte für ihn zu finden. Eine Weile unterhalten wir uns noch, bieten ihm an, sofern er möchte, jederzeit wieder über alles zu sprechen und machen uns langsam auf den Heimweg. Er versichert uns noch, dass er trotz allem nicht den Mut verloren hat weiterzumachen und verabschiedet sich mit dem in Sri Lanka häufig zu hörenden Satz „What to do...“. Wir empfinden tiefe Bewunderung für seine tapfere Einstellung. Trotz völliger Erschöpfung von der langen Reise fällt es uns an diesem Abend sehr schwer, den Schlaf zu finden.

//Tuberide: Flo surft den Righthander an der Peanut Farm.
ERSTER TAG. Am nächsten Morgen spazieren wir nach einem ausgiebigen Frühstück den Strand entlang zum Surfpoint von Arugam Bay. Auch dieser Platz hat sich ziemlich verändert, denn der Tsunami hat einen Großteil des Sandes weggeschwemmt und die Küstenlinie leicht verändert. Was jedoch gleich blieb, sind die perfekten Wellen, die wie ein Uhrwerk präzise entlang des Riffs brechen. Wir haben Glück, erleben den Anfang eines großen Swells und unsere Stimmung, die bislang ziemlich am Boden war, hebt sich aufgrund der Tatsache, dass sich kein einziger Surfer im Wasser befindet! Wir schnappen uns unsere Boards und paddeln in die gut 3m hohen Wellen hinaus. Die unglaubliche Session unter Freunden und zwei später hinzukommenden Australiern lässt uns die Eindrücke des vorigen Abends für eine Weile vergessen und wir schlitzen die Wellen bis zur völligen Erschöpfung.

//Bottom Turn. Kri am Mainpoint
DIE SITUATION. In den folgenden Tagen versuchen wir uns ein wenig einzuleben, surfen mehr als sechs Stunden täglich und diskutieren viel darüber wie und wem man hier am besten helfen könnte. Schnell kristallisiert sich heraus, dass unter den Locals viel Neid herrscht, da einige seitens der Regierung mit finanzieller Unterstützung bevorteilt wurden und andere nach wie vor nichts haben und ums blanke Überleben kämpfen. Auch unser Vermieter Johnson warnt uns, nicht jedem alles zu glauben und leider müssen wir die Erfahrung machen, dass er Recht hat. Frustriert von der Tatsache, dass wir immer wieder von einigen Einheimischen angelogen werden, beschließen, wir die Situation noch eine Zeit lang zu beobachten, um später wirklich denjenigen helfen zu können, die es am dringendsten brauchen.
NATURTRIP. Eines Morgens machen wir uns auf den Weg, die anderen Surfspots in der Umgebung auszukundschaften. Wir packen unsere Boards auf ein Tuk Tuk und fahren Richtung Yala National Park in den Süden. In der Morgendämmerung sind in der Ferne immer wieder wilde Elefanten und riesige Hirsche zu beobachten und einmal schafft es unser Tuk Tuk Fahrer gerade noch, einer 5m langen Python auszuweichen, die von uns völlig unbeeindruckt langsam über die Strasse schlängelt. Die Fauna und Flora in diesem Gebiet Sri Lanka’s ist artenreich und wunderschön und die kleine Reise an sich schon wert. Kurz vor Erreichen des Surfbreaks ohne Namen kommen wir per Tuk Tuk im immer dichter werdenden Jungel nicht mehr wirklich weiter und setzen unseren Weg zu Fuß fort. Es gilt einen letzten kleinen Flussarm aufmerksam zu durchschreiten, denn hier lauern immer wieder Krokodile ihren Beutetieren auf. Dem immer lauter werdenden Tosen des Ozeans zu Folge wissen wir, dass es sich nur mehr um wenige Meter handeln kann, bis wir den paradiesischen Strand erreichen. Hier ist bis auf einige geknickte Bäume alles noch wie vor dem Tsunami, außer uns gibt es keine Menschenseele weit und breit und wir erleben einen der bisher schönsten Surftage in der noch völlig unberührten Natur.
SPONTANHILFE. Die Tage vergehen bald wie im Flug und wir wissen inzwischen mit der schwierigen Situation umzugeben. Die Einheimischen sind grundsätzlich um jeden Touristen in dieser harten Zeit froh und wir erleben die Surfspots noch einmal so leer, wie es seit vielen Jahren nicht mehr der Fall war. Kurz vor unserer Heimreise bekommen wir langsam aber sicher ein deutlich besseres Bild davon, wem wir wirklich helfen wollen und unterstützen ein paar Locals mit Surfboards, Bekleidung und finanziell soweit es uns möglich ist. Allein das glückliche Lächeln und Leuchten in den Augen des jungen Mohammed, als er von Kri ein Surfbrett geschenkt bekommt, lässt uns erkennen, dass es mit Sicherheit die richtige Entscheidung war, nach Sri Lanka zu reisen. Der kleine Bub verabschiedet sich von uns mit den rührenden Worten „i wish you are happy all your life!“ Das wünschen wir auch ihm und den Menschen von Arugam Bay.

Sri Lanka Hardfacts:
Einwohner: knapp 20 Millionen
Volksgruppen: Singhalesen, Tamilen, Moslems, Vedda und Malayen (ursprüngliche Einwohner)
Politische Situation: Bürgerkrieg zwischen 1983 und 2001, derzeit Waffenstillstand zw. Tamilen und Singhalesen, Friedensverhandlungen wurden 2003 von tamilischer Seite unterbrochen. Im Moment ist die politische Situation eher instabil.
Beste Surfsaison: November bis April in Hikkaduwa und Mai bis Oktober in Arugam Bay. Der „Surfing Point“ in Arugam Bay ist aufgrund des Riffs für Anfänger ungeeignet, in der näheren Umgebung gibt es allerdings einige Strände, wo Surfen auch gelernt werden kann. Boardverleih im Aloha.
Temperaturen: tropisch, Wasser 28 Grad
Momentane mögliche Risken: Malaria, Dengue Fieber, Durchfallerkrankungen, Landminen, weiterer Tsunami durch Nachbeben, politische Instabilität |